🎙️ Horbywood unzensiert · Folge 56

Klaudia Seidl – „Es ist extrem anstrengend – und genau das macht mich glücklich“

Einmal in der Woche begleitet Klaudia Seidl einen gehörlosen Mann mit Demenz. Sie ist keine Pflegekraft, sie ist einfach da – und hat dabei etwas gefunden, das ihr Reisen, Seminare und Erfolge nie geben konnten.

Klaudia Seidl im Podcast Horbywood unzensiert Folge 56 über die Begleitung eines gehörlosen Mannes mit Demenz

Worum es in dieser Folge geht

Horbywood unzensiert Folge 56 beginnt mit einem Satz, den Klaudia Seidl vorab in unser Gästeformular geschrieben hat: Es ist extrem anstrengend – und genau das macht mich glücklich. Gemeint ist damit ihr Dienstag. Einmal in der Woche fährt Klaudia zum Onkel einer Bekannten, einem Mann mit Demenz, der zusätzlich gehörlos ist. Sie ist keine ausgebildete Pflegekraft und will auch keine sein. Sie ist da, damit die Angehörige einen Tag durchatmen kann.

Mit Adina spricht sie darüber, wie Verständigung funktioniert, wenn weder Hören noch Erinnern verlässlich sind, warum sie an diesem einen Tag nicht aufs Handy schaut und weshalb ausgerechnet die anstrengendsten Stunden ihrer Woche die zufriedensten sind. Es geht um Demenz, aber genauso um Klaudias eigenen Weg: um ein Jahr, in dem sie mit 26 mehrere der wichtigsten Menschen ihres Lebens verlor, um Jahre in der Opferrolle – und um den Punkt, an dem sie anfing, das anders zu betrachten.

Das nimmst du aus dem Gespräch mit

Ansagen tragen weiter als Fragen

Weil ihr Gegenüber nicht hört, spricht Klaudia in eine App, die ihre Worte in Text verwandelt. Gelernt hat sie das Wichtigste erst unterwegs: Offene Fragen überfordern. Aus „Magst du spazieren gehen?“ wurde ein Hin und Her ohne Antwort. Heute schreibt sie: Wir gehen jetzt spazieren. Kurz, klar, freundlich – und plötzlich funktioniert der Tag.

Ungeteilte Aufmerksamkeit ist das eigentliche Geschenk

Nebenbei aufs Handy schauen geht an diesem Tag nicht. Klaudia merkt, wann er den Löffel sucht, wann das Taschentuch fehlt, wann er nicht weiß, welche Schuhe. Wenn sie ihm abends etwas zu essen macht und selbst nicht mitisst, ist er enttäuscht. Ihre Frage daraus ist größer als ihr Dienstag: Wie geht es all den Menschen, die genau diese Zuwendung bräuchten und sie nicht bekommen?

Humor ist keine Nebensache

Beim Mensch ärgere dich nicht weiß er jedes Mal genau, wie viele Felder er ziehen muss – und greift jedes Mal zur falschen Farbe. Wenn Frust aufkommt, fängt Klaudia an zu kaspern. Er lacht über seine immer gleichen Witze, sie lacht, weil er sich so freut. Zwischen Tanzen im Wohnzimmer und einer längeren Umarmung, wenn die Traurigkeit kommt, liegt an manchen Tagen nur eine Minute.

Vom Schicksalsjahr zurück ins Leben

Klaudia ist gerade 62 geworden und hat die Zahl an ihrem Geburtstag umgedreht: Mit 26 starb ihr Partner, drei Monate vor der Hochzeit. Im Jahr davor ihre beste Freundin, im selben Jahr ihre Mutter. Sie hat kaum getrauert, sondern gefeiert, war fast nie nüchtern und hat ihren Schmerz jedem erzählt, in der Erwartung, wie ein rohes Ei behandelt zu werden. Dass sie darüber heute so offen spricht, ist der eigentliche Wendepunkt der Folge.

Was du fütterst, wird groß

Am Morgen der Aufnahme hatte Klaudia eine Idee, die sie selbst naiv nennt: Sie stellt der KI täglich eine gute Frage. Was kannst du für unsere Gesellschaft bewirken? Wie lässt sich Menschen mit Demenz das Leben leichter machen? Die Antworten postet sie öffentlich. Ihr Gedanke dahinter ist schlicht und schwer zu widerlegen – die KI richtet sich danach, womit wir sie füttern.

Früher habe ich den Brotlaib mit der Nagelfeile geschnitten, heute habe ich eine Brotmaschine. Der Brotlaib ist derselbe geblieben.

— Klaudia Seidl

Über Klaudia Seidl

Klaudia Seidl, 62, lebt in Graz und hat eine erwachsene Tochter. Gelernt hat sie Industriekauffrau, den Großteil ihres Berufslebens hat sie im Geschäftskundenvertrieb der Telekom verbracht. Parallel dazu absolvierte sie über Jahre spirituelle Ausbildungen – nach einer ernüchternden Zeit in der Esoterikszene, aus der sie irgendwann sämtliche Bücher auf den Flohmarkt trug.

Sie beschreibt sich als jemanden, der nie Mitläufer war und seine Meinung auch dann sagt, wenn sie quer zur Runde steht. Gleichzeitig ist sie schüchtern, zieht sich aus großen Gruppen zurück und erlebt regelmäßig, dass Menschen ihr Dinge anvertrauen, die sie kaum kennen. Sie selbst führt das auf echtes Mitgefühl zurück – und auf die Erfahrung, beide Seiten zu kennen.

Ihren Anspruch formuliert sie unaufgeregt: spirituell zu leben heißt für sie nicht, heilig zu sein. Sie erzählt selbst die Geschichte vom Gemüsemarkt, wo sie einem Menschen half und zwei Schritte weiter in einen handfesten Streit geriet. Ihre Erkenntnis daraus ist die ehrlichste Definition von Haltung in dieser Folge: Es geht nicht darum, nie zu fallen, sondern darum, es schneller zu merken.

Tiefer einsteigen

Wenn dich die Frage beschäftigt, wie sich Erinnerungen festhalten lassen, solange jemand sie noch erzählen kann, findest du bei Dein Erinnerungsfilm unsere Antwort darauf. Alle weiteren Folgen von Horbywood unzensiert zum Anschauen und Nachhören gibt es in der Podcast-Übersicht.

⚓ Solange die Geschichten noch da sind

Wer erinnert, was dein Vater erzählt hat, wenn er es selbst nicht mehr kann? Wir filmen Lebensgeschichten, solange sie noch erzählt werden – ruhig, ohne Hektik, bei euch zu Hause. Wenn du darüber nachdenkst, lass uns reden.

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Schwarzwald Anker