Lernnotiz 01 · Kommunale Intelligenz

Mathe roch nach Milchkaffee.

Ich bin in Mathe sitzen geblieben. Nicht weil Zahlen mir nicht liegen — sondern weil ich gelernt hatte, mich vor dem Fach zu schützen. Diese Lernnotiz erzählt, wie das passiert ist, und was Stadtverwaltungen daraus mitnehmen können.

Lesezeit ca. 7 Min. Podcast 10:08 Min. Quiz 3 Fragen Grundlage Gerald Hüther
Beziehung // Bedeutung // Dranbleiben // Lernen // Beziehung // Bedeutung // Dranbleiben // Lernen //
Meine Geschichte

Es fängt mit einem Geruch an.

Milchkaffee. Nicht der Geschmack, der Geruch. Wenn er mir irgendwo entgegenkommt, ist für einen Moment alles wieder da: der Raum, die Anspannung, dieses Gefühl von „hier will ich nicht sein“.

Wenn ich erzähle, dass ich in der sechsten Klasse in Mathe durchgefallen bin, erwarten die meisten eine Geschichte über Zahlen. Über Formeln, die ich nicht kapiert habe, über Übungsblätter, über fehlende Begabung. Es ist aber keine Geschichte über Zahlen. Es ist eine Geschichte über Menschen, Räume und Gerüche.

Ich erzähle sie nicht, weil sie dramatisch ist. Ich erzähle sie, weil sie so gewöhnlich ist — und weil ich bis heute merke, was davon hängen geblieben ist.

Sechste Klasse · Tageslichtprojektor

Der erste Rückzug

Unser Klassenlehrer stand am Tageslichtprojektor und sprach — sagen wir es freundlich — feucht. Was er erklärte, landete bei mir nicht. Statt Neugier entstand Abneigung, und innerlich ging die Tür zu. Damals habe ich es mir so erklärt: Entweder schafft er es nicht, oder ich bin einfach zu dumm für Mathe.

Die Nachhilfe · Geld, das nicht da war

Es kostet etwas — meinetwegen

Meine Mama hat Nachhilfe organisiert. Die war für damalige Verhältnisse teuer, und wir hatten das Geld nicht: Meine Eltern zahlten ein Haus ab. Ich wusste das. Zu „ich kann das nicht“ kam also dazu: Und es kostet Geld, das wir nicht haben.

Der Weg · Bahnhofstraße, Milchkaffee

Noch einmal dieselbe Botschaft

Unten die Realschule, dann die Bahnhofstraße hoch, am Gewerbemuseum vorbei, links an einem Bäcker entlang, den es heute nicht mehr gibt. Am Ende blaue Schrift auf einem Schild. Mein Nachhilfelehrer hatte einen roten Bart und immer einen Milchkaffee neben sich. Auch er hat keinen Zugang zu mir gefunden. Was geblieben ist, ist der Geruch — und das Gefühl: Hier will ich nicht sein.

Das Zeugnis · Durchgefallen

Aus Erfahrung wird Selbstbild

Am Ende stand die Fünf, und ich blieb sitzen. Für mich war das eine Demütigung. Nicht „ich habe eine schlechte Note“, sondern: Ich bin nicht gut genug. Dazu kam das Gefühl, meine Mutter enttäuscht zu haben — die ganze Familie. Das Geld für die Nachhilfe war weg, und ich hatte es trotzdem nicht geschafft. Was als unangenehme Situation angefangen hatte, war jetzt ein Satz über mich: „Ich kann Mathe nicht. Zahlen liegen mir einfach nicht.“

Es war dieselbe Straße, in der wir gewohnt hatten, als ich klein war.

Das ist der Teil, der mir erst später aufgefallen ist. Der Weg zur Nachhilfe führte durch die Straße meiner ersten Jahre. Derselbe Gehweg, dieselben Häuser — nur ging ich ihn jetzt, weil ich etwas nicht konnte.

Gerüche sind verdammt gute Erinnerungsträger.

Dass der Milchkaffee heute noch präsent ist, beweist nicht, woran der Misserfolg lag. Es zeigt aber, wie körperlich und konkret Lernerfahrungen gespeichert werden.

Man muss dazu sagen: Das war eine andere Zeit. Keine Smartphones, keine Erklärvideos, kein Nachschauen unter der Bank. Es gab Papier, einen Tisch und einen Menschen, der es dir erklärt. Das hatte etwas Warmes — gemeinsam am Tisch sitzen und lernen ist etwas anderes als allein vor einem Bildschirm.

Es hatte aber auch eine Kehrseite: Es gab kein Ausweichen. Wenn der Mensch, der dir das Fach erklären soll, keinen Zugang zu dir findet, dann ist das Fach zu. Heute würde ich mir ein Video suchen. Damals war der Mensch das Medium.

Ein Küchentisch mit einer Tasse Milchkaffee und einem aufgeschlagenen Matheheft mit Bruchrechnungen
Der Geruch, der geblieben ist · Bild mit KI erzeugt
Was könnte passiert sein?

Eine mögliche Lernschleife.

01

Unangenehme Erfahrung

Ekel, Unsicherheit oder Beschämung besetzen die Situation.

02

Innerer Rückzug

Die Aufmerksamkeit sinkt. Vermeidung wird zur verständlichen Schutzreaktion.

03

Weniger Erfolg

Weniger Übung und weniger Zuversicht erschweren echte Erfolgserlebnisse.

04

Festes Selbstbild

„Ich kann das nicht“ wirkt irgendwann wie eine Eigenschaft statt wie eine Geschichte.

Und dann kam der Wechsel

Auf der anderen Schule war ich gut.

Meine Eltern haben entschieden, dass ich von der Realschule auf die Hauptschule wechsle. Ich wurde nicht gefragt, und ich hätte damals auch nicht gewusst, was ich antworten soll.

Wann ich gemerkt habe, dass es kippt, kann ich nicht sagen. Es gab keinen Moment, keine Note, kein Lob, an das ich mich erinnere. Ich weiß nur, wo ich irgendwann stand: Ich war die, die den Dreisatz erklärt hat. Vielen. Nicht einmal, sondern immer wieder.

Und ich weiß auch, warum. Ich hatte auf einmal den Zusammenhang verstanden — und wofür man das braucht. Nicht die Regel. Den Sinn.

Ich habe es verstanden, als ich wusste, wofür.

Dasselbe Kind. Dasselbe Fach. Ein völlig anderes Ergebnis. Woran es genau lag, kann ich nicht beweisen — anderes Tempo, andere Lehrer, eine andere Rolle in der Klasse. Aber eines ist damit klar: Die Fünf war keine Eigenschaft von mir. Sie war das Ergebnis einer bestimmten Situation.

Plötzlich war ich die, die es erklärt.

Klingt wie eine Eigenschaft
„Ich bin schlecht in Mathe.“
Ist aber eine Geschichte
„Ich habe gelernt, mich vor Mathe zu schützen.“
Was gelernt wurde, kann durch neue Erfahrungen verändert werden.
Wichtig: plausible Deutung, kein Beweis

Eine Geschichte ist keine Kausalstudie.

Ich kann nicht sagen: Diese Lehrer haben das Sitzenbleiben verursacht. Lernbiografien entstehen aus vielen Faktoren — Unterricht, Vorerfahrungen, Unterstützung, Übung, Leistungsdruck, persönliche Entwicklung.

Die Hüther-Lesart ist hier eine hilfreiche Linse: Die wiederholten Erfahrungen könnten meine Beziehung zur Mathematik und mein Zutrauen mitgeprägt haben. Das ist eine Einladung zum Verstehen, keine Diagnose.

Und heute?

Ich habe später mein Wirtschaftsabitur gemacht. Mathe ist nie mein Steckenpferd geworden, das hat sich gehalten. Kopfrechnen ist bis heute nicht meine Disziplin.

Aber ich verstehe Zahlen. Ich kann sie ins Verhältnis setzen, gerade im wirtschaftlichen Sinn — ich sehe, was eine Zahl über ein Unternehmen erzählt.

Heute führe ich eines: Schwarzwald Anker — Arne und ich, zu zweit. Die Frau, die in der sechsten Klasse durchgefallen ist, liest jeden Monat die Zahlen ihrer eigenen Firma. Und wenn wir heute für Kommunen und Unternehmen drehen, dann geht es genau um das, was mir damals gefehlt hat: dass jemand einen Zugang findet.

Nicht schlecht für jemanden, dem Zahlen angeblich nicht liegen.
Adina und Arne Kocher, Inhaber von Schwarzwald Anker
Adina und Arne Kocher
Der Gedanke dahinter

Wissen landet nicht im luftleeren Raum.

Was mir passiert ist, hat einen Namen. Der Neurobiologe Gerald Hüther beschreibt in Kommunale Intelligenz, dass Menschen in Beziehungen lernen: zu anderen Menschen, zu einem Thema, zur eigenen Erfahrung — und zu sich selbst.

Fühlt sich eine Situation sicher, sinnvoll und interessant an, fällt es leichter, offen zu bleiben. Scham, Ekel, Angst oder wiederholte Ohnmacht sorgen dafür, dass wir innerlich auf Abstand gehen. Beziehung ist deshalb nicht die freundliche Verpackung von Wissen. Sie ist Teil der Erfahrung, in der Wissen überhaupt bedeutsam wird.

Beziehung+ Bedeutung+ Dranbleiben= Lernen

Beziehung öffnet die Tür. Bedeutung hält sie offen.

Und jetzt kommt der Teil, der Hüthers Buch interessant macht: Er überträgt das nicht auf Schulen. Er überträgt es auf ganze Städte und Gemeinden.

Vom Klassenzimmer // ins Rathaus // Vom Klassenzimmer // ins Rathaus // Vom Klassenzimmer // ins Rathaus // Vom Klassenzimmer // ins Rathaus //
Der Transfer

Was heißt das für eine Verwaltung?

Genau dasselbe, nur mit Erwachsenen. Eine Stadt lernt nicht durch Konzepte, Leitbilder oder Beteiligungsformate. Sie lernt durch die Erfahrungen, die Menschen dabei miteinander machen. Wer dreimal erlebt hat, dass seine Idee im Protokoll verschwindet, hat gelernt, sich zu schützen — genau wie ich in Mathe.

01 · Begegnung

Menschen zuerst

Veränderung beginnt dort, wo Menschen sich gehört, respektiert und als Teil der Lösung erleben — am Schalter, im Team und im Gemeinderat.

Fühlen sich Menschen bei uns gesehen?
02 · Bedeutung

Sinn sichtbar machen

Eine neue Idee wird tragfähig, wenn sie mit dem Alltag vor Ort verbunden ist. Nicht nur: Was ändert sich? Sondern: Wofür lohnt es sich?

Ist das Wofür wirklich spürbar?
03 · Wirksamkeit

Mitmachen ermöglichen

Beteiligung heißt nicht, Meinungen abzufragen. Menschen brauchen echte Spielräume, sichtbare Rückmeldung und gemeinsame Erfolgserlebnisse.

Was können Menschen konkret bewegen?

Beteiligung ohne Rückmeldung ist Nachhilfe mit Milchkaffee.

Und weil das unser Handwerk ist: Genau deshalb reden wir bei Filmen für Kommunen nicht über Hochglanz, sondern über echte Menschen aus dem Haus. Ein Bauhofmitarbeiter, der von seiner Arbeit erzählt, wirkt anders als ein Imagetext über Bürgernähe. Nicht weil er besser aussieht — sondern weil man ihm die Beziehung zu seinem Ort anhört.

Das Spiel · 10 Sätze

Tür auf oder Tür zu?

Zehn Sätze, wie sie in Rathäusern, Teams und Bürgersprechstunden fallen. Entscheide bei jedem: Öffnet er die Tür — oder macht er sie zu? Kein Zeitdruck, keine Punkte für Schnelligkeit.

Satz 1 von 10 0 richtig einsortiert
Zum Anhören

Die ganze Folge.

Kommunale Intelligenz — wenn eine Stadt zum Lernort wird

Solo-Folge · 10:08 Min. · Grundlage: Gerald Hüther

Die Folge geht über meine Mathegeschichte hinaus: Kommune als Gemeinschaft, Lernen in Beziehung, Beziehungsqualität statt Wachstum, Community Education — und wo die Vision eine offene Flanke hat.

KI

Diese Folge ist mit Hilfe von künstlicher Intelligenz entstanden: Der Text stammt von uns, gesprochen wird er von einer KI-Stimme. Uns ist wichtig, dass du das weißt — und nicht rätselst, wer da redet.

Das Buch dahinter

Gerald Hüther: Kommunale Intelligenz

Potenzialentfaltung in Städten und Gemeinden. Edition Körber, 127 Seiten. Ein normatives, gut lesbares Plädoyer für einen Kulturwandel — keine Studie, keine Handlungsanleitung. Genau deshalb lohnt es sich.

Beim Verlag ansehen →
3 Fragen · ca. 2 Minuten

Was bleibt hängen?

Keine Noten. Nur ein kurzer Check, ob der Gedanke Wurzeln geschlagen hat.

Frage 1 von 30 richtig
Häufige Fragen

Kommunale Intelligenz — kurz erklärt

Die Fragen, die mir nach Vorträgen und Gesprächen in Rathäusern am häufigsten gestellt werden.

Was ist kommunale Intelligenz?

Der Begriff stammt vom Hirnforscher Gerald Hüther. Kommunale Intelligenz beschreibt die Fähigkeit einer Stadt oder Gemeinde, das Wissen, die Ideen und die Erfahrung der Menschen vor Ort wirklich zu nutzen — statt sie in Zuständigkeiten zu verwalten. Sie entsteht nicht durch ein Konzept und nicht durch ein Leitbild, sondern durch die Erfahrungen, die Menschen dabei miteinander machen.

Was hat kommunale Intelligenz mit Lernen zu tun?

Alles. Lernen ist keine Frage der Begabung, sondern der Beziehung. Wer erlebt, dass sein Beitrag zählt, denkt weiter mit. Wer dreimal erlebt hat, dass die eigene Idee im Protokoll verschwindet, hört auf — und das ist keine Faulheit, sondern eine gelernte Schutzreaktion. Genau das ist mir in der sechsten Klasse in Mathe passiert. In Rathäusern passiert dasselbe, nur mit Erwachsenen.

Woran merke ich, dass bei uns im Haus Türen zugehen?

An kleinen Sätzen. „Das haben wir schon immer so gemacht.“ „Da bin ich nicht zuständig.“ „Melden Sie sich in vier Wochen nochmal.“ Solche Sätze sind selten böse gemeint — sie sind das Ergebnis von Erfahrungen. Ein ehrlicher Anfang ist das Spiel weiter oben auf dieser Seite: zehn Sätze aus dem Verwaltungsalltag, einmal einsortiert in Tür auf oder Tür zu.

Was kann eine Verwaltung konkret tun?

Drei Dinge, die kein Budget brauchen, sondern Haltung. Menschen zuerst: dafür sorgen, dass Mitarbeiter und Bürger sich gehört und als Teil der Lösung erleben. Sinn sichtbar machen: nicht nur sagen, was sich ändert, sondern wofür es sich lohnt. Mitmachen ermöglichen: echte Spielräume geben und auf jeden Beitrag sichtbar zurückmelden — Beteiligung ohne Rückmeldung wirkt wie keine Beteiligung.

Was hat kommunale Intelligenz mit Personalmarketing zu tun?

Mehr, als es zuerst klingt. Wer im eigenen Haus keine gute Beziehungserfahrung ermöglicht, kann nach außen keine glaubwürdige Arbeitgebermarke zeigen — neue Mitarbeiter merken den Unterschied in den ersten zwei Wochen. Deshalb fangen wir bei Filmen für Städte und Gemeinden nicht beim Hochglanz an, sondern bei den Menschen, die längst da sind. Wie das aussieht, steht auf unserer Seite Personalmarketing für Stadtverwaltungen.

Woher stammt der Begriff und wo kann ich nachlesen?

Aus dem Buch Kommunale Intelligenz von Gerald Hüther, erschienen in der Edition der Körber-Stiftung. Diese Lernnotiz ist keine Zusammenfassung des Buches, sondern meine eigene Erfahrung, gelesen mit Hüthers Brille. Zum Anhören gibt es das Ganze auch als Folge unseres Videopodcasts.

Reden wir über die Menschen in Ihrem Haus.

Wenn Sie in einer Verwaltung arbeiten und das Gefühl kennen, dass gute Ideen im Protokoll verschwinden — dann ist ein Gespräch mit uns vielleicht der pragmatischste erste Schritt. 45 Minuten, ohne Verkaufsmasche. Wir haben mit Horb am Neckar und Böblingen genau daran gearbeitet.

Gespräch buchen Personalmarketing für Kommunen
Schwarzwald Anker