Meine Geschichte
Es fängt mit einem Geruch an.
Milchkaffee. Nicht der Geschmack, der Geruch. Wenn er mir irgendwo entgegenkommt, ist für einen
Moment alles wieder da: der Raum, die Anspannung, dieses Gefühl von „hier will ich nicht sein“.
Wenn ich erzähle, dass ich in der sechsten Klasse in Mathe durchgefallen bin, erwarten die meisten
eine Geschichte über Zahlen. Über Formeln, die ich nicht kapiert habe, über Übungsblätter, über
fehlende Begabung. Es ist aber keine Geschichte über Zahlen. Es ist eine Geschichte über Menschen,
Räume und Gerüche.
Ich erzähle sie nicht, weil sie dramatisch ist. Ich erzähle sie, weil sie so gewöhnlich ist — und
weil ich bis heute merke, was davon hängen geblieben ist.
Sechste Klasse · Tageslichtprojektor
Der erste Rückzug
Unser Klassenlehrer stand am Tageslichtprojektor und sprach — sagen wir es freundlich — feucht.
Was er erklärte, landete bei mir nicht. Statt Neugier entstand Abneigung, und innerlich ging die
Tür zu. Damals habe ich es mir so erklärt: Entweder schafft er es nicht, oder ich bin einfach zu
dumm für Mathe.
Die Nachhilfe · Geld, das nicht da war
Es kostet etwas — meinetwegen
Meine Mama hat Nachhilfe organisiert. Die war für damalige Verhältnisse teuer, und wir hatten das
Geld nicht: Meine Eltern zahlten ein Haus ab. Ich wusste das. Zu „ich kann das nicht“ kam also
dazu: Und es kostet Geld, das wir nicht haben.
Der Weg · Bahnhofstraße, Milchkaffee
Noch einmal dieselbe Botschaft
Unten die Realschule, dann die Bahnhofstraße hoch, am Gewerbemuseum vorbei, links an einem Bäcker
entlang, den es heute nicht mehr gibt. Am Ende blaue Schrift auf einem Schild. Mein
Nachhilfelehrer hatte einen roten Bart und immer einen Milchkaffee neben sich. Auch er hat keinen
Zugang zu mir gefunden. Was geblieben ist, ist der Geruch — und das Gefühl: Hier will ich nicht sein.
Das Zeugnis · Durchgefallen
Aus Erfahrung wird Selbstbild
Am Ende stand die Fünf, und ich blieb sitzen. Für mich war das eine Demütigung. Nicht „ich habe
eine schlechte Note“, sondern: Ich bin nicht gut genug. Dazu kam das Gefühl, meine Mutter
enttäuscht zu haben — die ganze Familie. Das Geld für die Nachhilfe war weg, und ich hatte es
trotzdem nicht geschafft. Was als unangenehme Situation angefangen hatte, war jetzt ein Satz über
mich: „Ich kann Mathe nicht. Zahlen liegen mir einfach nicht.“
Es war dieselbe Straße, in der wir gewohnt hatten, als ich klein war.
Das ist der Teil, der mir erst später aufgefallen ist. Der Weg zur Nachhilfe führte durch die Straße
meiner ersten Jahre. Derselbe Gehweg, dieselben Häuser — nur ging ich ihn jetzt, weil ich etwas nicht
konnte.
Gerüche sind verdammt gute Erinnerungsträger.
Dass der Milchkaffee heute noch präsent ist, beweist nicht, woran der Misserfolg lag. Es zeigt aber, wie
körperlich und konkret Lernerfahrungen gespeichert werden.
Man muss dazu sagen: Das war eine andere Zeit. Keine Smartphones, keine Erklärvideos, kein
Nachschauen unter der Bank. Es gab Papier, einen Tisch und einen Menschen, der es dir erklärt.
Das hatte etwas Warmes — gemeinsam am Tisch sitzen und lernen ist etwas anderes als allein vor
einem Bildschirm.
Es hatte aber auch eine Kehrseite: Es gab kein Ausweichen. Wenn der Mensch, der dir das Fach
erklären soll, keinen Zugang zu dir findet, dann ist das Fach zu. Heute würde ich mir ein Video
suchen. Damals war der Mensch das Medium.