Susan Richter – „Ohne Angst gibt es auch keinen Mut“
Künstlerin, Gründerin von colourout und seit ihrer Diagnose mit einem ständigen Begleiter: ihrem Parkinson, den sie Helmut nennt. Susan Richter erzählt, warum sie mit den Händen statt mit dem Pinsel malt, wie die Diagnose kam und warum sie wieder aufs Eis geht. Das ist Horbywood unzensiert Folge 61.
Worum es in dieser Folge geht
Susan Richter hat ihrer Krankheit einen Namen gegeben: Helmut, nach Helmut Schmidt. „Der Helmut Schmidt, der war sehr, sehr intelligent und immer einen Schritt voraus. Und das ist meine Krankheit auch.“ Mit diesem Satz ist man mitten in einem Gespräch, das über drei Stunden dauert und trotzdem nie schwer wird.
Susan beschreibt sich selbst als „wunderbar chaotisch“ und als Kämpferin. Sie erzählt von ihrer Marke colourout und davon, warum sie lieber über die Wabe hinaus malt als hinein. Von einer Marienserie, die in einem Kloster erst Wut und dann Nachdenken ausgelöst hat. Und von ihrer Zeit im Eisschnelllauf und Radsport in der DDR, zu der sie nach vielen Jahren zurückgefunden hat.
Es geht um die Diagnose Parkinson, um die Schubladen, in die andere sie stecken, und um die Frage, warum in Kliniken so wenig Kunst stattfindet. Kennengelernt haben wir Susan über Monika Fuhl, die selbst schon Gast bei uns war.
Das nimmst du aus Horbywood unzensiert Folge 61 mit
Parkinson heißt bei ihr Helmut
Nach der Diagnose hat Susan angefangen zu schreiben: wie sie es ihren Kindern gesagt hat, wie ihren Eltern. Daraus entstand der Gedanke, die Krankheit zu personifizieren. Sie hatte sich lange mit Helmut Schmidt beschäftigt, mit seiner Ruhe und seinem Rückgrat. Und weil Schmidt immer einen Schritt voraus war, so wie ihre Krankheit, heißt ihr Parkinson seitdem Helmut. Der Name hilft ihr, über etwas zu reden, über das viele lieber schweigen.
Susan Richter malt mit den Händen, nicht mit dem Pinsel
Der Pinsel ist ihr „zu direkt“. Sie arbeitet mit den Händen, will die Leinwand spüren und mischt Acryl, Öl und alles andere auf einer einzigen Leinwand. Für ein Porträt würde sie die Leinwand erst nass machen, mit Kohle anfangen, Farbe draufspritzen und schauen, was entsteht. Genau dafür steht ihr Name colourout: nicht in den Waben malen, sondern darüber hinaus. Ihre Bilder nennt sie Wimmelbilder, voller Geschichten, in denen sich jeder Betrachter selbst wiederfinden soll.
Ein Bild darf auch ärgern
Für ihre Marienserie hat Susan Maria so gemalt, wie sie heute aussehen könnte, unter anderem schwanger im Hochzeitskleid. Die Serie hing im Kloster Kirchberg. Ein Mann empfand die Bilder als Frechheit und schrieb dem Pfarrer einen Brief. Nach sechs Wochen, in denen er täglich daran vorbeiging, sagte er, ein Bild habe ihn doch in den Bann gezogen. Für Susan ist genau das Lob genug: dass sich jemand wirklich mit einem Bild auseinandersetzt.
Die Diagnose war Ausatmen und Katastrophe zugleich
Beim Joggen lief die rechte Seite irgendwann nicht mehr richtig mit. Nach rund einem Jahr bei der Physiotherapie kam sie zum Neurologen, und der sagte ihr ausgerechnet am Valentinstag: Parkinson. Susan beschreibt die Diagnose als beides, als Ausatmen, weil sie endlich wusste, warum, und als Katastrophe. Sie erzählt offen, was die Krankheit mit Kraft, Sprache und Wortfindung macht, und warum sie nicht nur „Tabletten futtern“ will, sondern mit Sport und Kunst dagegenhält.
Helmut darf sich zeigen
Wenn Susan aufgeregt ist oder es zu persönlich wird, kommt Helmut raus: Sie zittert, ihr fehlen die Worte. Früher hätte sie das kontrolliert, heute lässt sie es geschehen. Das hilft ihr auch gegen die Schublade, in die andere sie sonst stecken. Ihr Satz dazu: „Ich lasse den Menschen sehen. Mit der Krankheit, ohne die Krankheit und ja, als Mensch.“
Kliniken brauchen mehr Kunst
In der Klinik hat Susan gelernt, ohne Muster zu häkeln, hat abends aus ihren Texten vorgelesen und schließlich eine Lesung über Helmut gemacht. Gekommen sind vor allem Angehörige, weil sie oft nicht wissen, wie sie mit der Krankheit umgehen sollen. Vor ihrem Bild „Geister“ sagte ihr ein Betroffener, er sehe darin nur den Parkinson. Das Gespräch darüber war für ihn wie Therapie. Deshalb findet Susan es traurig, dass es in Kliniken so wenig Angebote für Kunst gibt.
Nach vielen Jahren wieder auf dem Eis
Mit sechs Jahren stand Susan zum ersten Mal auf Schlittschuhen, später kamen Eisschnelllauf und Radsport in der DDR, bis zur Wende. Danach wollte sie weder Fahrrad noch Schlittschuhe sehen. Ausgerechnet Helmut hat sie zurückgebracht: Erst hat sie den Sport in Bildern verarbeitet, dann ging sie mit einem Trainer, der mit Menschen mit Traumata arbeitet, wieder aufs Eis. Ihr Fazit: „Ich war der glücklichste Mensch, den es gab.“
Das beste Jahr behält sie
Zum Schluss stellt Adina eine Frage aus einem Buch, das Susan mitgebracht hat: Würdest du dein bestes Jahr eintauschen, um die fünf schlimmsten nicht erleben zu müssen? Susans Antwort ist nein. „Weil sonst würde ich ja nicht wissen, dass das das beste Jahr ist.“ Die schweren Jahre, sagt sie, haben sie zu dem Menschen gemacht, der sie heute ist.
Die Norm, die setze ich selber.
— Susan Richter
Über Susan Richter
Susan Richter ist Künstlerin und steht hinter der Marke colourout. Geboren in der Nähe von Leipzig, nennt sie Dresden ihre Heimat. Dort hatte sie ihre erste Ausstellung und stellte später auch am Taschenbergpalais aus. Mit ihrer Familie hat sie in vielen Bundesländern gelebt, heute ist sie in der Nähe von Horb zu Hause.
Seit ihrer Parkinson-Diagnose spricht sie offen über die Krankheit, in Lesungen, in ihren Bildern und in diesem Gespräch. Ihre Kunst findest du auf susanrichter.de und auf Instagram unter @colourout_art.
Tiefer einsteigen
Zu uns gekommen ist Susan über Monika Fuhl. In Folge 52 erzählt Monika Fuhl aus Mühringen von ihrer Zeit als Ortsvorsteherin und ihrem Leben mit Krebs. Um Erinnerungen und das, was von einem Menschen bleibt, geht es in Folge 60 mit der Trauerrednerin Sabine Osterauer. Alle weiteren Folgen von Horbywood unzensiert findest du in der Podcast-Übersicht.
Für Geschichten, die bleiben
Susan rät ihrer Mama und Schwiegermama, so viel zu reisen und zu erleben wie möglich. Denn: „Wenn du nichts erlebst, hast du keinen Film.“ Wir halten solche Geschichten fest, solange die Menschen sie noch selbst erzählen können, mit Stimme, Lachen und allem, was dazugehört. Genau das ist der Erinnerungsfilm.
